Aber eigentlich … #me too?

Vor ein paar Tagen tauchte ein bekannter Name in den Schlagzeilen wieder auf – Harvey Weinstein. Sein Prozess wegen massiver Vorwürfe sexueller Belästigung und Vergewaltigung hat gestartet. Schon fast in Vergessenheit geraten, waren die Erinnerungen an die in einem NYT- Artikel geäußerten Vorwürfe und die dadurch ausgelöste #me too-Bewegung schnell wieder präsent. Weltweit konnten sich viele Frauen (und auch einige Männer) mit den Geschichten der Weinstein-Opfer identifizieren und begannen, ihre eigenen Erfahrungen zu veröffentlichen.

Obwohl ich die Debatte damals sehr gut mitverfolgt und einige der Geschichten gelesen hatte, fühlte ich mich nie persönlich angesprochen. Schockiert, wütend und fassungslos, aber nie wirklich selbst betroffen. Auch an jenem Donnerstag nicht, an dem ich wieder auf das Thema stieß. Es war morgens in der U-Bahn, noch viel zu früh, um genauer drüber nachzudenken, und sowieso – mir ging’s gut, ich hatte doch noch nie (sexuelle) Belästigung erlebt?!

Freitagnachmittag, auf dem Weg nach Hause. In meinem Instagram-Feed scrolle ich über ein Bild, das ein kurzes Gedicht enthält und mich irgendwie anspricht.
Zu lesen ist folgendes:

“I want to feel safe
walking home alone
without having to make sure
you’re on the other end of the phone
a key between fingers
is the only defense
thighs burning from the pace
my whole body tense.
I want to feel safe
wearing what I want
without the fear
and insinuation
that it’s sex that I flaunt.
The clothing I wear
is never an invitation
without consent passing my lips
and yet we’re taught the implication
of wearing short skirts
and being out late
drinking a little too much
and going out on a date.
I want to feel safe
I want to be free
of the terror I feel
when I’m just being me.”

~ S. J. Graham (Instagram Account: @sjgrahamwriter)

Diese direkten Worte treffen mich und lassen mich nicht mehr los. Warum? Weil ich mich angesprochen fühle, weil es sich anfühlt, als hätte jemand meine Gedanken niedergeschrieben.

Darüber denke ich immer noch nach, als ich samstags endlich Zeit habe, mit der neuen Staffel von Sex Education zu beginnen. Und auch dort passiert es, eine der Protagonistinnen wird auf dem Weg zur Schule sexuell belästigt, spielt es runter – „das war doch nichts, ist voll normal“ – und hat trotzdem jeden Morgen wieder zu viel Angst, um in den Bus einzusteigen.

Spätestens jetzt stelle ich mir die Frage – ist das wirklich normal? Müssen wir Frauen das akzeptieren?

Ich schreib hier nicht von den „offensichtlichen“ Arten sexueller Belästigung, von den Vergewaltigungen und nicht einvernehmlichem Sex. Es geht um alltägliche Dinge, die schon so normal sind, dass sie oft gar nicht mehr wahrgenommen einfach hingenommen werden. Blöde (Anmach)Sprüche, Pfiffe, anzügliche Blicke, ein gerauntes „hey Süße“ und Aufdringlichkeit in den Öffis – Catcalling passiert jeden Tag. Man versucht es zu ignorieren und überhören, die andren kümmern sich sowieso nicht drum und es ist ja „nur ein dummer Spruch“, der jedoch sehr wohl verletzen kann und am eigenen Selbstbewusstsein nagt. Um ebensolche Kommentare sichtbar zu machen, gibt es in vielen Städten Menschen, die mit Kreide diese Botschaften auf die Straße malen. Es sind Erlebnisse, die an die Instagram-Accounts Catcallsof(Stadt) gesendet werden. Gestartet wurde die ganze Aktion von catcallsofnyc in New York. Unglaublich schockierend, was da alles zu lesen ist.

Wieso wird den Männern, wieso wird der Gesellschaft vermittelt, MEIN Körper sei ihr Eigentum?

Wenn man mich so spontan fragt, hätte ich mich wahrscheinlich nie als Opfer (sexueller) Belästigung gesehen, und doch gibt es so viele unangenehme Dinge, die mir einfallen und Situationen, in denen ich mich nicht wohl gefühlt habe.
Ich möchte nicht darüber nachdenken müssen, ob das, was ich anziehe, schon nicht zu kurz ist und ob ich damit „etwas herausfordern könnte“ – denn „die Opfer sind ja selber schuld, schon klar, sie hatte einen Minirock an, da musste ich sie einfach belästigen/angreifen/vergewaltigen“.
Ich wünsche mir, nachts ausgehen zu können und mir keine Gedanken machen zu müssen, wie ich heimkomme. Ohne übermäßige Aufmerksamkeit auf dem Nachhauseweg und die Erleichterung, sobald ich die Wohnungstür hinter mir geschlossen habe. Meine Freundinnen nicht daran zu erinnern müssen, mir ja zu schreiben, wenn sie sicher zuhause sind.

Ich würde gerne gelassen an einer Gruppe junger Männer vorbeilaufen, ohne übertrieben selbstbewusst wirken zu müssen und innerlich trotzdem auf den ersten blöden Kommentar zu warten.

Ich wohne in einer der wahrscheinlich sichersten Städte der Welt und frage mich, wie es Mädchen und Frauen an ganz anderen Plätzen der Welt geht? Wie sie sicher nachhause kommen und es jeden Tag aufs Neue schaffen, Ungerechtigkeiten zu akzeptieren und sich mit Belästigung jeglicher Art abzufinden?

Meine Geschichte ist eine erschreckend gewöhnliche, wahrscheinlich haben alle Frauen in meinem Alter schon dieselben Erfahrungen (und wenn nicht noch viel schlimmere) gemacht und es ist damit quasi normal.

Deshalb eigentlich… #me too?